
Warum dein Schwung meist nicht das Problem ist – sondern dein Kopf I Golf Mental
27. April 20267 Mental Hacks für Reiter*innen: So reitest du mit mehr Fokus, Ruhe und Selbstvertrauen
Reiten ist weit mehr als Technik, Lektionen, Sitz oder Timing. Ein großer Teil deines Erfolgs im Sattel entsteht im Kopf. Hier sind 8 mentale Strategien aus dem Sportmentaltraining und Sportpsychologie, die dir helfen, klarer, ruhiger und erfolgreicher zu reiten.
1. Spüre die Emotion, aber lass dich nicht davon steuern (Die 90-Sekunden-Regel)
Kennst du diesen Moment vor dem Angaloppieren, vor einem Sprung oder beim Einreiten ins Viereck? Ein kurzer Nervenkitzel, vielleicht ein bisschen Anspannung im Bauch. Das ist völlig normal.
Wenn eine Emotion (wie Wut, Angst oder Freude) durch einen Reiz ausgelöst wird, reagiert der Körper mit einer Ausschüttung von biochemischen Substanzen wie Adrenalin und Cortisol. Jede Emotion dauert 90 Sekunden sagt Neurowissenschaftlerin Jill Bolte Taylor. Danach entscheidet dein Kopf, ob du die Emotion weiterfütterst oder deine Reaktionen steuerst.
Anwendung im Sattel:
- Nimm die Emotion wahr: „Okay, ich bin gerade nervös.“
- Atme langsam tief in den Bauch ein, halte den Atem für zwei Sekunden und atme dann langsam durch den leicht geöffneten Mund aus. Achte darauf, dass sich deine Bauchdecke beim Einatmen hebt und beim Austamen senkt. Wiederhole dies mehrmals.
- Die Emotion ebbt ab.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die physiologische Welle dauert etwa 90 Sekunden. Der Gefühlszustand kann jedoch länger anhalten, wenn er durch wiederholtes Denken bzw. Gedankenspiralen aufrechterhalten wird.
2. Kleine Erfolge bewusst feiern (Dopamin-Verankerung)
Nimm dir ein Heft, ein leeres Tagebuch, einen schönen Schreibblock und denke über deine Erfolge in den letzten Wochen nach. Schreibe künftig am besten täglich oder mindestens einmal wöchentlich die kleinen und großen Erfolgserlebnisse im Berufs- und Privatleben und im Sattel auf, damit keiner deiner Erfolge verloren geht bzw. in Vergessenheit gerät.
- Was hast du gut gemacht, was ist dir gut gelungen, wofür kannst du dir auf die Schulter klopfen, was war ein Schritt nach vorn?
- Was hat dir Spaß gemacht bzw. Freude bereitet?
- Was hast du dazugelernt?
- Welche Probleme hast du gelöst?
- Worauf bist du stolz?
Im Training übersehen Reiter*innen oft Erfolgsmomente.
- Ein Übergang gelingt weich.
- Du reitest eine Linie oder Bahnfigur sauber (z. B. Zirkel oder Volte).
- Dein Pferd bleibt im Takt oder findet besser in die Balance.
- Du kannst Tritte verlängern ohne Taktfehler reiten.
- Du bleibst ruhig, obwohl eine Lektion wie der Fliegende Wechsel nicht klappt.
- Du reagierst bewusst statt impulsiv auf eine Situation.
- Du konzentrierst dich besser auf eine Aufgabe.
- Du schaffst es, dich nach einem Fehler neu zu fokussieren.
- Dein Pferd galoppiert ruhig an.
Das sind echte Erfolge.
Wenn Reiter*innen diese Erfolgsmomente bewusst wahrnehmen und kurz feiern (z. B. innerlich „Super!“ sagen und/oder lächeln), verstärkt das positive Erfahrungen im Gehirn und steigert Motivation, Selbstvertrauen und Lernfortschritt.
Wichtig: Fortschritt im Reitsport entsteht selten durch große reiterliche Sprünge – sondern durch viele kleine gelungene Momente.
3. Beende den Ritt mit einem guten Gefühl
Der Peak-End-Effekt ist ein psychologischer Gedächtnis-Bias. Er besagt, dass Menschen ein Erlebnis nicht nach dem Durchschnitt der gesamten Erfahrung bewerten, sondern hauptsächlich nach zwei Momenten:
- dem intensivsten Punkt (Peak) und
- dem Ende (End) der Erfahrung.
Für dein Gehirn bestimmt vor allem der intensivste Moment und die letzten Minuten eines Trainings, wie du die ganze Trainingseinheit in Erinnerung behältst.
Praktische Tipps:
- Beende Trainings positiv: B. mit einer sauber gerittenen, kontrollierten Lektion oder einem kurzen Erfolgserlebnis.
- Plane „Peaks“ bewusst: Ein intensives Training kann das Training „bedeutsamer“ wirken lassen.
- Vermeide ein frustrierendes Ende: Wenn du frustriert oder technisch schlecht aufhörst, speichert dein Gehirn das Training eher negativ ab.
4. Benennen heißt beherrschen (Angst-Labeling)
Angst wird oft stärker, wenn wir versuchen, sie zu verdrängen.
So stärkst du deine Emotionskompetenz: Emotionen wahrnehmen und benennen – statt sie vorschnell zu bewerten.
- Beobachten ohne zu bewerten: Stelle dir die Situation wie einen Film vor. Beobachte deine Reaktionen objektiv, ohne sie verändern zu wollen („Da ist Wut“ statt „Ich darf nicht wütend sein“).
- Körperwahrnehmung nutzen: Emotionen zeigen sich oft zuerst im Körper (z.B. Herzklopfen, angespannte Schultern, flauer Magen). Scanne deinen Körper, um das Gefühl zu lokalisieren.
- Der innere Verhandlungstisch: Mit Emotionen konstruktiv umgehen
Halten Sie eine innere Konferenz mit allen vorhandenen Gefühlen ab. Jedes Gefühl hat eine Stimme und eine Botschaft für Sie. Würgen Sie diese Stimmen nicht einfach ab, sondern schenken Sie Ihnen Redezeit. Ziel der Verhandlung am inneren Konferenztisch ist eine Entscheidung. Wie im Außen, sollte auch gegenüber Ihrem inneren Team keine Diktatur herrschen.
5. Selbsterfüllende Prophezeiung im Reitsport
Im Reitsport bedeutet die selbsterfüllende Prophezeiung (Merton, Robert K. (1948): The Self-Fulfilling Prophecy): Deine innere Einstellung beeinflusst dein Verhalten – und dieses Verhalten beeinflusst direkt dein Pferd.
Oder einfacher: Du reitest das, was du erwartest.
Beispiel: Du steigst mit der Erwartung auf: „Mein Pferd erschrickt heute bestimmt wieder.“
Was passiert:
- Du bist innerlich angespannt
- Deine Muskulatur ist angespannter
- Du hältst die Zügel unbewusst fester
- Du reagierst schneller hektisch
Das Pferd spürt diese Sorge & Unsicherheit. Das Pferd wird nervös … erschrickt tatsächlich.
Deine Erwartung hat das Verhalten ausgelöst.
Du steigst stattdessen mit der Erwartung auf: „Mein Pferd ist aufmerksam und lässt sich gut reiten.“
→ Du bist ruhiger und klarer. Du reagierst gelassener auf kleine Unsicherheiten.
👉 Ergebnis: Auch hier erfüllt sich die Erwartung – diesmal positiv.
Das Wissen über selbsterfüllende Prophezeiungen hilft dir:
- bewusster mit deinen Gedanken umzugehen
- negative Erwartungsschleifen zu durchbrechen
- deinem Pferd mehr Sicherheit zu geben.
Konkrete mentale Ansätze
- Vor dem Reiten bewusst positive, realistische Ziele setzen
- Atem und Körperspannung kontrollieren
- Situationen neutral statt negativ bewerten
- Kleine Erfolge bewusst wahrnehmen
6. Der Einfluss von Musik auf Leistung & Motivation im Reitsport
Musik hat im Sport einen nachweisbaren Einfluss auf körperliche Leistung, Motivation und Wahrnehmung. Ihre Wirkung lässt sich sowohl physiologisch als auch psychologisch erklären.
Ein zentraler Effekt betrifft die Motivation. Rhythmische und energiegeladene Musik kann die Ausschüttung von Dopamin fördern, einem Neurotransmitter, der mit Belohnung und Antrieb verbunden ist. Dadurch steigt die Bereitschaft, sich anzustrengen und länger durchzuhalten.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Leistungssteigerung durch Rhythmus. Der Takt der Musik kann Bewegungen synchronisieren, was zu effizienteren Bewegungsabläufen führt.
Darüber hinaus spielt Musik eine Rolle bei der emotionalen Regulation. Sie kann beruhigen oder aktivieren, je nach Tempo und Stil. Vor Wettkämpfen nutzen viele Sportler gezielt Musik, um sich in einen optimalen mentalen Zustand zu versetzen – entweder zur Fokussierung oder zur Steigerung der Erregung.
Zusammengefasst wirkt Musik im Sport auf mehreren Ebenen: Sie steigert Motivation, verbessert Bewegungsrhythmus, reduziert das subjektive Belastungsempfinden und unterstützt die emotionale Steuerung.
7. Wie deine Überzeugungen deine Realität formen
Glaubenssätze/Überzeugungen/“Beliefs“ (im NLP) sind Verallgemeinerungen, verallgemeinerte Aussagen, Meinungen, Werte, Leitsätze, -prinzipien oder innere Einstellungen über die Bedeutung, Grenzen und Zusammenhänge von „Dingen“.
„Dinge“ können sein:
- Personen, Ereignisse und Gegenstände in unserer Umwelt
- (spezielle) Verhaltensweisen
- Fähigkeiten und Strategien
- Glaubenssätze (beliefs) und Wertesysteme
- wir selbst, unsere Identität
Hört man diese Glaubenssätze immer und immer wieder, wird man sie am Ende im wahrsten Sinne des Wortes aufnehmen und als Teil von sich akzeptiert haben.
Später als Erwachsene macht uns dies das Leben schwer. Immer dann, wenn es ernst wird, wenn Herausforderungen auf uns zukommen, wenn unsere Stärke gefragt ist, dann melden sich diese Sätze wieder zu Wort und beschwören uns.
Wie kann ich einen Glaubenssatz verändern?
- Glaubenssatz erkennen und benennen.
Schreibe die Überzeugung auf, die dich zurückhält. - Ursprung und Funktion verstehen
Viele Glaubenssätze entstehen durch frühe Erfahrungen, Erziehung oder wiederholte Ereignisse. - Realitäts-Check: Stelle den Glaubenssatz infrage.
Frage dich:
Welche Beweise sprechen wirklich dafür?
Welche Beweise sprechen dagegen?
Würde ich denselben Satz über einen Freund sagen?
Ist das eine Tatsache oder eine Geschichte, die ich als Wahrheit akzeptiert habe? - Neuen, realistischeren Glaubenssatz formulieren
Der alte Glaubenssatz wird nicht einfach positiv ersetzt, sondern realistisch neu formuliert. - Durch Verhalten und Wiederholung verankern
Neue Überzeugungen entstehen dadurch, dass du anders handelst (nicht nur anders denkst).
Methoden:- bewusst neue Handlungen ausprobieren
- kleine Erfolgserlebnisse sammeln
- den neuen Satz regelmäßig reflektieren oder aufschreiben
- Situationen suchen, die den neuen Glaubenssatz bestätigen.
Fazit Mentale Stärke im Pferdesport
Mentale und emotionale Stärke im Reiten entsteht nicht durch große Veränderungen – sondern durch kleine, bewusste Gewohnheiten.
- Emotionen wahrzunehmen, ohne sie sofort zu bewerten oder sich von ihnen übermannen zu lassen
- kleine Erfolge feiern
- Fokus auf den Prozess
- Training bzw. Reitstunde immer positiv beenden
- Training bzw. Reitstunde beenden mit Antworten auf die Fragen „Was nimmst du heute aus dem Training mit?“
Wenn dein Kopf klar ist, wirst du ruhiger – und dein Pferd kann sich auf Dich verlassen.
Quellen und Links
- Jill Bolte Taylor: https://www.drjilltaylor.com/psychology-today-the-90-second-rule-that-builds-self-control/
- Taylor, J. B. (2008). My Stroke of Insight. Viking.
- Sapolsky, R. M. (2004). Why Zebras Don’t Get Ulcers. Holt Paperbacks.
- Schultz, W. (1998). Predictive reward signal of dopamine neurons. Journal of Neurophysiology.
- Clear, J. (2018). Atomic Habits. Avery.
- Wulf, G. (2013). Attentional focus and motor learning. Current Directions in Psychological Science.
- Beilock, S. (2010). Choke: What the Secrets of the Brain Reveal About Getting It Right When You Have To.
- Kahneman, D., Fredrickson, B., Schreiber, C., & Redelmeier, D. (1993).
When more pain is preferred to less: Adding a better end. Psychological Science. - Kahneman, D. (2011). Thinking, Fast and Slow.
- Lieberman, M. D. et al. (2007).
Putting feelings into words: Affect labeling disrupts amygdala activity. Psychological Science. - Rosenthal, R., & Jacobson, L. (1968). Pygmalion in the Classroom.
- Bandura, A. (1997). Self-Efficacy: The Exercise of Control.
- Craske, M. G. et al. (2014).
Maximizing exposure therapy. Behaviour Research and Therapy. - Marks, I. (1978). Living with Fear.
- Karageorghis, C., & Priest, D. (2012).
Music in the exercise domain: A review and synthesis. International Review of Sport and Exercise Psychology.
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