Spielen, um zu gewinnen. Oder spielen, um nicht zu verlieren.
Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied. Doch mental macht es einen gewaltigen Unterschied.
Jürgen Klopp hat in einem Video für die Volksbanken Raiffeisenbanken über seine Lust am Gewinnen gesprochen. Über seinen Ehrgeiz, seinen inneren Antrieb und darüber, was es für ihn bedeutet, gewinnen zu wollen.
Im Werbefilm von 2012 sagt Klopp: „Ich glaube nicht daran, dass die Angst vorm Verlieren dich eher zum Sieger macht als die Lust auf Gewinn.“ (Horizont (2012) Was Jürgen Klopp antreibt: Volksbanken zeigen Spot mit dem Meistertrainer) Zusätzlich gibt es die Formulierung „Die Lust am Gewinnen ist größer, als die Angst zu verlieren“ aus einem späteren Interview von 2018 (Deutsche Vermögensberatung (2018))
Spielen, um zu gewinnen – oder um nicht zu verlieren?
Wie schafft man es, dass die Mannschaft spielt, um zu gewinnen, statt nur zu versuchen, nicht zu verlieren?
1. Der Gewinnmodus – die Lust auf Erfolg
(vgl. Dr. Alicia Naser)
Wer spielt, um zu gewinnen, zeigt eher sogenanntes Annäherungsverhalten.
- Entscheidungen werden schneller und entschlossener getroffen.
- Die Bereitschaft, kalkulierte Risiken einzugehen, steigt.
- Chancen werden aktiv gesucht und genutzt.
- Der Fokus liegt auf dem, was erreicht werden soll.
2. Der Vermeidungsmodus – die Angst vor Fehlern
(vgl. Dr. Alicia Naser)
Wer dagegen hauptsächlich spielt, um nicht zu verlieren, befindet sich stärker im Vermeidungsverhalten.
- Körperlichen Beschwerden wie Verspannungen, Gelenksteifigkeit und Muskelschwäche.
- Angst, Herzrasen, Schwitzen.
- Die Aufmerksamkeit verengt sich.
- Entscheidungen werden hinausgezögert.
- Unsicherheit und Zögern nehmen zu.
- Der Fokus richtet sich auf das, was auf keinen Fall passieren darf.
Das Problem: Wer ständig darüber nachdenkt, was alles schiefgehen könnte, verliert den Blick für seine Möglichkeiten.
Welche Rolle spielt der Trainer? Eine entscheidende!
Stellen wir uns eine Mannschaft vor, in der Fehler sofort kritisiert werden.
Ein Spieler versucht einen mutigen Pass, der nicht ankommt. Die Reaktion des Trainers? Ärger, Vorwürfe, vielleicht sogar die Auswechslung.
Was lernt der Spieler daraus?
Gehe kein Risiko ein. Spiele auf Sicherheit. Vermeide Fehler. Falle bloß nicht negativ auf.
Wenn Fehler ausschließlich bestraft und kluge Risiken niemals anerkannt werden, entsteht eine Kultur der Fehlervermeidung. Spieler werden vorsichtiger. Sie übernehmen weniger Verantwortung. Sie entscheiden sich eher für die sichere Variante, selbst wenn eine mutigere Entscheidung sportlich sinnvoll wäre. Aus dem Wunsch zu gewinnen wird zunehmend die Angst, etwas falsch zu machen.
Doch wie soll eine Mannschaft mutig auf Sieg spielen, wenn ihre Spieler vor allem damit beschäftigt sind, Fehler zu vermeiden?
Wo beginnt eine konstruktive Fehlerkultur?
Was passiert nach einem Fehler?
Wird geschimpft, kritisiert und Schuld zugewiesen? Oder wird sachlich analysiert, was passiert ist und was sich daraus lernen lässt?
Trauen sich Spieler, Verantwortung zu übernehmen? Oder haben sie Angst vor den Konsequenzen einer falschen Entscheidung?
Wird Eigeninitiative gefördert? Oder zählt am Ende ausschließlich, dass bloß nichts schiefgeht?
Eine konstruktive Fehlerkultur bedeutet nicht, Fehler zu verharmlosen oder Leistung weniger konsequent einzufordern. Ganz im Gegenteil! Ich halte auch nichts davon, Fehler zu glorifizieren. Entscheidend ist nicht der Fehler selbst, sondern was wir daraus lernen und welche Verbesserungen wir ableiten.
Gerade nach Niederlagen sind Enttäuschung, Ärger und Frustration oft groß. Dann brauchen Spieler zunächst die Möglichkeit, ihre Emotionen zu regulieren, bevor eine sachliche Analyse sinnvoll ist.
Ein Fehler kann am Selbstvertrauen nagen. Umso wichtiger ist es, dass Trainer auch in schwierigen Situationen Vertrauen vermitteln.
Für mich beginnt eine leistungsfördernde Fehlerkultur bei Sportdirektoren, Trainern und der gesamten sportlichen Führung. Wer mutige Entscheidungen, Eigenverantwortung und mentale Stärke fordert, muss ein Umfeld schaffen, in dem Spieler keine Angst haben, Fehler zu machen.
Denn Angst vor Fehlern verhindert Entwicklung. Vertrauen dagegen schafft die Voraussetzung, dass Menschen ihre Fähigkeiten auch unter Druck abrufen können.
Meine Frage an Sportdirektoren, Trainer und Mannschaftsverantwortliche: Wie wird in Ihrer Mannschaft tatsächlich mit Fehlern umgegangen – besonders dann, wenn ein Spiel verloren wurde?
Mehr dazu in meinem Beitrag: Fehlerkultur: Fail for Future
Trainer müssen vorleben, was sie von ihren Spielern erwarten
Wie soll ein Spieler unter Druck ruhig und konzentriert bleiben, wenn sein Trainer bei jedem Fehler die Beherrschung verliert? Wie soll eine Mannschaft mutig auftreten, wenn der Trainer selbst vor allem Angst vor einer Niederlage hat? Und wie sollen Spieler Verantwortung übernehmen, wenn ihnen bei jeder falschen Entscheidung sofort das Vertrauen entzogen wird?
Trainer müssen das vorleben, was sie von ihren Spielern erwarten. Dazu gehören für mich mentale und emotionale Stärke, Selbstvertrauen, Selbstwert, eine klare, positive Kommunikation, Respekt und Wertschätzung.
Auch Trainer stehen unter enormem Druck. Vereine, Verbände, Sportdirektoren, Fans und das Umfeld erwarten Ergebnisse. Dennoch darf dieser Druck nicht dazu führen, dass Spieler nur noch versuchen, Fehler zu vermeiden.
Eine wichtige Führungsaufgabe besteht darin, auch in schwierigen Phasen Orientierung, Sicherheit und Vertrauen zu vermitteln.
Weiterlesen: Was macht einen guten Trainer aus?
Was bedeutet das für Sportdirektoren und die sportliche Führung?
Fehlerkultur ist nicht allein eine Angelegenheit des Trainers. Auch Sportdirektoren und andere Verantwortliche prägen die Mentalität einer Mannschaft.
Welche Haltung wird innerhalb des Vereins vorgelebt? Wie reagiert die sportliche Führung auf Niederlagen? Werden Ursachen sachlich analysiert oder vorschnell Schuldige gesucht? Steht ausschließlich das letzte Spielergebnis im Mittelpunkt oder wird auch die langfristige Entwicklung von Mannschaft und Spielern berücksichtigt?
Wer von seiner Mannschaft Mut, Eigeninitiative und Verantwortung erwartet, muss diese Haltung auch in der täglichen Führung unterstützen.
Das bedeutet nicht, geringere Leistungsansprüche zu stellen. Im Gegenteil: Hohe Ziele, klare Erwartungen, konstruktive Kritik und eine konsequente Leistungsorientierung gehören zusammen.
Aber Leistung entsteht nicht dadurch, dass Menschen ständig Angst vor Fehlern haben.
Mein Fazit
Wer eine Mannschaft haben möchte, die spielt, um zu gewinnen, muss eine Kultur schaffen, die mutiges und verantwortungsvolles Handeln ermöglicht.
Nicht jeder mutige Versuch wird erfolgreich sein. Nicht jede gute Entscheidung führt zum gewünschten Ergebnis. Aber wer ausschließlich Fehler vermeiden möchte, wird viele Chancen gar nicht erst nutzen.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur: Wie sehr wollen wir gewinnen? Sondern auch: Wie groß ist unsere Angst davor, zu verlieren?
Und für Trainer und Führungskräfte stellt sich eine weitere Frage: Fördern wir mit unserem Verhalten die Lust auf Erfolg – oder unbewusst die Angst vor Fehlern?
Quellen und weiterführende Informationen
- Jürgen Klopp: Volksbanken Raiffeisenbanken – Werbefilm „Was uns antreibt“ (2012)
- Alicia Naser: Mental Performance Training for Coaches & Staff



